Leseprobe Norland 3: Gestrandet

Kapitel 1 – Adreana

Sie warteten.

Arion war gegangen, um das Auto zu holen. Sie mussten England dringend verlassen und Arions Mutter finden, die die Nor gefangengenommen hatten. Und da war noch Konstantin, der mit seinem Wissen womöglich dazu beitragen konnte, die Tore zu Norland zu öffnen und die Dunklinge zurückzudrängen. Auch ihn mussten sie so schnell wie möglich auftreiben. Doch keiner wusste, wo er sich aufhielt. Ihn zu finden, würde schwierig werden.

Das Auto herzubringen, war keine besonders schwierige Aufgabe. Adreana war trotz allem unruhig. Mittlerweile bereute sie es, Suzas Wunsch, mit Arion zu gehen, nachgegeben zu haben. Sie würde ihn aufhalten. Mit ihren kurzen Beinen konnte sie nicht schnell gehen und ihr Wunsch, im Auto vorne zu sitzen, würde seine Rückkehr ebenfalls verzögern. Er musste langsam fahren, womöglich nahm er Umwege über ruhigere Straßen. Aber Suza hatte darauf bestanden, was in gewisser Weise verständlich war. Durch die brenzlige Situation, in der sie sich befanden, übergingen sie konsequent jegliche Bedürfnisse des Kindes. Kein Wunder, dass Arion Mitleid gehabt hatte. Aber ausgerechnet jetzt, wo jede Minute zählte …

Naja, korrigierte sie sich in Gedanken. Das war übertrieben. Arion konnte sich eine kleine Spritztour mit Suza schon erlauben. Aber trödeln sollte er eigentlich auch nicht … Wie lange war er schon fort? Ruhelos schritt sie im Raum auf und ab, während Yasmina durch das kleine Haus ging, Fensterläden schloss, Vorhänge zuzog, den Kühlschrank ausstellte und noch allerlei andere Dinge erledigte, die man tat, bevor man ein Haus für längere Zeit verließ.

Gabriel räumte das Gepäck vom Flur nach draußen. »Dann geht es schneller, wenn sie kommen«, meinte er. Er blickte Adreana an. »Jetzt komm mal runter, sie sind nur ein paar Meter von hier entfernt und werden gleich da sein. Kein Grund, hier wie ein Tiger im Zoo das Revier abzurennen.«

Adreana lachte nervös. »Du hast recht.« Sie setzte sich auf den Treppenabsatz, um gleich nach ein paar Sekunden wieder aufzuspringen. »Ich kann nicht sitzen. Keine Ahnung, Gabriel, aber ich hab irgendwie ein ungutes Gefühl.« Sie spähte die Straße hinab. Wo blieb das Auto nur?

Zehn Minuten später übertrug sich ihre Anspannung auf Gabriel. »Jetzt könnten sie wirklich mal kommen«, brummte er.

Und weitere zehn Minuten später gesellte sich Yasmina zu ihnen und sagte: »Ich habe nichts mehr zu tun. Sollten die beiden nicht längst da sein? Wie lange dauert es, das Auto von eurem Parkplatz abzuholen?«

»Ruf ihn an, Gabriel!«, sagte Adreana nervös. »Bitte! Schnell, ruf ihn an! Vielleicht ist etwas passiert!«

Er nickte und kramte nach dem Handy. Nachdem er es mindestens eine Minute hatte läuten lassen, sagte er: »Er nimmt nicht ab. Seltsam.«

»Hat er es überhaupt dabei?«, fragte Yasmina.

»Doch, ich glaube schon.«

»Vielleicht sind sie noch ein bisschen in der Gegend herumgekurvt«, sagte Adreana mit unnatürlicher Piepsstimme. War das eine Erklärung für ihr überlanges Ausbleiben? Aber vielleicht bestand ja eine klitzekleine Wahrscheinlichkeit, dass sie gleich um die Ecke gefahren kamen …

»Dann würde er ans Handy gehen und außerdem würde er so etwas nie machen«, sagte Gabriel. »Der weiß doch, wie unruhig du bist, wenn Suza nicht bei dir ist.«

Adreana nickte und eine eiskalte Hand schien ihr ans Herz zu greifen. »Da muss etwas passiert sein.«

»Das glaube ich mittlerweile auch.« Gabriel strich über seine Glatze und hob die Nase in den Wind. »Er ist nicht weit weg, Adreana, seine Spur ist deutlich. Was bedeutet das?« Er dachte nach und sagte dann: »Wenn ich jetzt losgehe und Arion suche, seid ihr womöglich in Gefahr. Wenn wir gemeinsam gehen, kann es sein, dass er doch noch kommt und sich wundert, warum wir fort sind.«

»Ist mir egal«, rief Adreana schrill und sprang auf. »Ich suche sie jetzt!«

In diesem Moment stutzte Gabriel und packte sie am Arm. »Warte! Wer ist das da hinten? Da, am Ende der Gasse! Ach du Scheiße!«

Sie rannten los.

Arion wankte ihnen entgegen. Er stützte sich an den Hauswänden ab und konnte sich kaum auf den Beinen halten. Als Gabriel ihn erreichte, sank er auf die Knie und kippte zur Seite um. Blut strömte aus einer Platzwunde an der Stirn.

»Arion! Was ist passiert?«

»Wo ist Suza?« Adreana blickte sich panisch um, aber die Kleine war nirgendwo zu sehen. Sie fühlte, wie ihre Beine unter ihr nachgaben. Nein, das konnte nicht sein. Sie packte Arion am T-Shirt, als wollte sie ihn durchschütteln. »Arion, wo ist Suza!«

»Um Gottes Willen, lass ihn!« Yasmina hielt sie sanft, aber energisch zurück. »Siehst du nicht, dass er schwer verletzt ist!«

»Aber Suza!« Adreana hatte das Gefühl, neben sich zu stehen und gleichzeitig zu spüren, wie ihr Kopf vor Entsetzen platzte.

»Wir müssen weg von der Straße!«, flüsterte Gabriel und sah sich um. Zwar war Arion niemand gefolgt, aber da sie nicht wussten, was geschehen war, mussten sie vorsichtig sein. »Arion! Hörst du mich? Wenn du mich hören kannst, drück meine Hand!«

Gabriel nickte angespannt. »Ich spüre seine Hand. Er hört mich. Arion, wo ist Suza? Ist sie am Leben?«

Adreana schluchzte auf und schloss die Augen. Erst als Gabriel ihr beruhigend über den Arm strich, öffnete sie sie wieder.

»Sie ist am Leben. Adreana, wenn du helfen möchtest, gib Arion ein bisschen Kraft, damit er uns sagen kann, was passiert ist. Es nützt niemanden was, wenn du wie versteinert hier vor uns stehst.«

Adreana starrte ihn an, bemühte sich zu begreifen, was er gesagt hatte. Alles, was ihr benebeltes Hirn aufnehmen konnte, war, dass Suza weg war, aber lebte. Sie zitterte. Gleichzeitig packte sie die Angst um Arion. Sein Gesicht war blutverschmiert und er hatte die Augen geschlossen. Adreana wurde schummerig zumute.

»Adreana!« Yasmina packte sie am Arm und schüttelte sie. »Du musst Arion helfen. Tue es jetzt, damit er uns sagen kann, was mit Suza ist.«

»J-ja«, stammelte sie. Was sollte sie tun? Dann, mit einem Mal, war es, als zöge jemand einen Vorhang auf und sie wusste, was zu machen war. Sie legte die Hand auf Arions blutbesudelte Wange. Sein nicht ganz frisch rasiertes Kinn kratzte rau über ihre Handfläche und sie schloss die Augen. Wehmut überkam sie wie ein kurzer Schauer, dann war das Gefühl wieder weg und zurück blieben die Angst und die Entschlossenheit, herauszufinden, was er wusste.

Er musste von einem harten Gegenstand am Kopf getroffen worden sein. Adreana fühlte die zerstörten Zellen und ließ ihre Energie dorthin fließen. Aber von weiter unten in seinem Körper stieg ein viel schlimmerer, dumpfer Schmerz zu ihr hoch und sie lenkte ihre Aufmerksamkeit dorthin. Die Leber, die Lunge, beide stark gequetscht. Adreana stöhnte leise, zog ihre Hand von seinem Gesicht weg und legte sie auf seine Brust. Das waren furchtbare Verletzungen, an denen er ohne ihre Hilfe sterben würde. Ein Wunder, dass er es geschafft hatte, sich bis hierher zu schleppen. Die Heilung würde sie ihre ganze Kraft kosten. Er atmete schwer, rang nach Luft. Nur ein Teil seiner Lunge funktionierte noch.

Sie keuchte. Der Gedanke an ihre Tochter blitzte wieder durch ihren Kopf und Tränen lösten sich aus ihren geschlossenen Augen. Ihre Hand begann zu zittern. Bestimmt hatte er unglaubliche Schmerzen. Reichte ihre Kraft aus? Sie musste ihn retten, zumindest soweit wieder herstellen, dass er ihr sagen konnte, was mit Suza war. Sie konzentrierte sich erneut.

Gabriel und Yasmina standen stumm daneben. Yasmina half, Arion zu stützen, damit sich seine gebrochenen Rippen nicht noch mehr in das Lungengewebe bohren konnten. Adreana gab ihr mit monotoner Stimme Anweisungen. Gabriel hielt die Umgebung im Auge. Aber nichts rührte sich in der Mittagshitze.

»Ich kann nicht …«, stöhnte Adreana schließlich. »Ich, oh, … die Lunge ist fast okay, aber die Knochen kosten mich zu viel Kraft.«

Arion keuchte und hustete. Sein Körper sog verzweifelt nach Sauerstoff, und endlich bekam er wieder etwas Farbe im Gesicht, obwohl seine Lippen immer noch blau waren.

»Geht es wieder?«, fragte Gabriel. »Wir sollten ihn in Yasminas Haus bringen. Hier draußen ist es zu heiß, er braucht Wasser und du auch, Adreana.«

Sie nickte schwach. Ihre Beine fühlten sich an wie Pudding und sie fragte sich, ob sie aufstehen konnte. Die altbekannten Kopfschmerzen meldeten sich mit rasender Wucht und dieses Mal würde sie ihnen nicht entkommen, das fühlte sie.

»Du kannst ihn tragen, aber vorsichtig«, flüsterte sie. »Die Rippen bohren sich in die Lunge, ich muss das noch … noch richten.« Sie presste ihre Lippen zusammen, um das Zittern zu unterdrücken.

»Komm, ich helfe dir auf«, sagte Yasmina mitfühlend und griff ihr unter die Arme. Für ihre zarte Gestalt war sie erstaunlich kräftig und sie zog Adreana auf die Beine. Zum Glück gehorchten ihr ihre Gliedmaßen und sie ging mit Yasmina hinter Gabriel her, der Arion über die Schulter gelegt hatte. Arion war zwar schlank, aber groß, und so gingen sie langsam die Straße zurück zu Yasminas Haus.

Drinnen war es angenehm kühl, und Adreana atmete auf. Sie kniete neben Arion nieder, den Gabriel auf das Sofa gelegt hatte. Vorsorglich hatte Yasmina ein Handtuch unter ihn gelegt, denn er blutete immer noch aus der Kopfwunde.

»Arion, kannst du reden?«, fragte Gabriel.

Arion nickte und öffnete langsam den Mund. »S-Suza, die Nor …« Er hustete und spuckte Blut aus.

Adreana begann zu weinen, sie konnte sich nicht mehr zusammenreißen. »Die Nor? Sag, dass das nicht wahr ist!«

»D-doch, l-leider. Sie haben uns aufgelauert.« Arion schien langsam etwas zu Kräften zu kommen, sein Blick wurde klarer. Nachdem er einen Schluck Wasser aus dem Glas getrunken hatte, das Yasmina ihm an den Mund hielt, sprach er weiter. »Die Vögel … haben uns gewarnt, aber in dem Moment war es schon zu spät … wir hatten das Auto erreicht, aber … dort lauerten sie auf uns.« Er machte eine Pause, spuckte wieder etwas Blut aus. Dann fuhr er fort: »Es waren drei. Ich glaube, Ulbrecht war dabei, die anderen kenne ich nicht. Ich habe … habe den zusammengeschlagen, der mich gepackt hatte. Ich fürchte, er ist tot. Dann habe ich den angegriffen, der Suza festhielt. Er … ließ sie los und ich schrie, sie solle wegrennen … hat sie gemacht. Aber ich habe … Ulbrecht vergessen.« Er keuchte. »Er ist ihr nachgerannt … hat sie geschnappt … es tut mir so leid, Adreana.« Tränen rannen seine Augen herab. »Ich sollte sie beschützen und hab komplett versagt.« Seine Stimme brach und sein Kopf sackte zur Seite weg.

Adreana stand wie erstarrt. Sie wusste, es war nicht seine Schuld. Sie hatte zugestimmt, dass Suza mit ihm ging. Er hatte getan, was er konnte, hatte gekämpft. Hätte fast mit seinem Leben bezahlt. Ein Teil von ihr sehnte sich unbeschreiblich nach ihm, wollte die Hände um sein Gesicht legen, ihn küssen und ihm sagen, dass er alles Menschenmögliche getan hatte … aber der andere Teil war fassungslos, zornig, entsetzt. Sie konnte es nicht einmal in Worte fassen. Ihr Kind war weg. Ihr Herzblut, ihr ein und alles war von diesen Gaunern geschnappt worden, die ihr Unsägliches antun würden. Sie schlug die Hände vors Gesicht und weinte.

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