Wie kriege ich dieses verflixte show, don’t tell hin?

Feuerwerk show don't tell
Show. Don’t tell.
Irgendwann hört jeder angehender Schriftsteller von diesem legendären Grundsatz der Schreibkunst.
Was aber bedeutet das?

Woher kommt diese Regel – show, don’t tell – eigentlich?

Als Kino und Fernsehen aufkamen, “entdeckten” die Menschen die Macht der Bilder. Und so dauerte es nicht lange, bis auch das geschriebene Wort diese wunderbare Möglichkeit des Kopfkinos benutzte. Ein Autor, der es vermag, seine Leser mit Bildern in ihrem Kopf zu fesseln, ist wesentlich erfolgreicher als ein anderer. Bilder erzeugen Gefühle. Und die Gefühle, die ein Roman bei uns erzeugen, sind der Grund, warum wir ihn in die Hand nehmen und ihn über Nacht durchlesen.

Die Regel ist also ganz einfach: Lass die Handlung deines Romans wie einen Kinofilm an deinen Lesern vorbeiziehen. Achte darauf, dass beim Lesen der Worte Bilder im Kopf entstehen.
Die Regel mit dem Kopfkino möchte ich noch etwas näher erläutern. Es gibt bei Filmen (in der Regel) keinen Erzähler, der zum Beispiel Redebegleitsätze einfügt und ihre Gefühle erwähnt. Gut, im Film sehen wir, wer redet, und im Buch nicht, daher benötigen wir ab und zu Information, wer denn jetzt mit Reden dran ist.

Aber: Paul sagte wütend … Maria stotterte peinlich berührt … all diese Informationen müssen im Kinofilm gezeigt werden. Wir sehen und hören, wie Pauls Gesicht vor Wut verzerrt ist und er schreit. Und wir sehen und hören, wie Maria den Kopf senkt, blass wird und sto… sto … stottert. Durch Mimik und Gestik entnehmen Kinozuschauer enorm viel Information! Und so sollte es im Text auch sein. Es ist auch hier möglich, Gefühle und Sachverhalte zu zeigen, statt sie einfach nur zu erzählen.

Ein Beispiel für tell

Es war ein langweiliger verregneter Samstagnachmittag im November. Ich saß mit Paul im Café, die Stimmung war gemütlich und wir tranken Cappuccino und heiße Schokolade.

Puh, ganz schön dröge, oder? Versuchen wir mal, ein bisschen show reinzubringen.

Ein Beispiel für show

Gemächlicher Novemberregen ploppte auf das Dach des Wintergartens und die Stimmen der anderen Gäste im Café klangen gedämpft zu uns hinüber. Uns gegenüber saß ein junges Pärchen. Durch die Blätter der Palme, die unsere Tische voneinander trennte, beobachtete ich, wie er ihre Hand nahm und seine Augenwinkel kleine Fältchen bekamen, weil er sie so verliebt anstrahlte. Der Duft ihres frisch aufgebrühten Kaffees wehte zu uns hinüber und ich seufzte leise. Während ich in meiner heißen Schokolade rührte, warf ich einen versonnenen Blick auf Paul.

Besser, nicht? Hier entstehen doch ganz andere Bilder im Kopf. Die Szene wirkt plastischer und man kommt den Charakteren im Idealfall etwas näher.

Wie aber schaffe ich es, mehr show in meine Texte zu bringen?

Rein theoretisch ist das ganz einfach.

Benutze Sinneseindrücke.

Lass deine Figuren riechen, schmecken, fühlen, tasten. Sie sehen zu lassen, fällt den meisten leicht, aber die anderen Sinneseindrücke werden deutlich weniger bedient. Schade eigentlich, denn unsere Wahrnehmung wäre ganz schön beschränkt, wenn wir unsere Umwelt nur sehen würden.
Es lohnt sich also, öfter ans Riechen, Fühlen und Schmecken zu denken. Dabei darfst du ruhig ungewöhnliche Worte benutzen, also zum Beispiel fühlte sich der Pullover auf der Haut so an, als striche man mit der Hand über die rauen Borsten eines Schweins.
Erwähne den Duft von frischgebackenem Brot. Den süßen und gleichzeitig sauren Geschmack, wenn du in einen Apfel beißt. Der Duft von Anis und Zimt versetzt den Leser vielleicht in die glückselige Kindheit, in die Vorweihnachtszeit, als Plätzchen gebacken wurden … so kombinierst du gleichzeitig Sinneswahrnehmung und Gefühle, und du weißt ja, je mehr Gefühle beim Leser geweckt werden, umso besser.

Benutze Vergleiche

Es dürfen ruhig originelle Vergleiche sein. Lass deine Fantasie spielen.
Etwa: Leonoras Frisur sah heute aus, als hätte sie sich den Wischmop unserer Putzfrau auf den Kopf geklebt.

Werde konkret

Benutze Wörter, die die Sache / den Sachverhalt / die Person so genau wie möglich beschreiben. Also schreibe nicht „der Hund”, sondern „die Bulldogge”. Statt „Blume”, was ein vager Überbegriff ist, überlege dir, welche Blume du meinst. Die dunkelrote Rose oder den Strauß Veilchen?
Suche die richtigen Wörter, die konkret das ausdrücken, was du beschreiben willst. Allerdings, verfalle nicht in den Fehler und wirf mit Adjektiven um dich, in der Hoffnung, dass das richtige schon dabei sein wird.
Konkret werden heißt auch nicht, Irrelevantes zu beschreiben. Die Schuhgröße deiner Protagonistin dürfte kaum jemanden interessieren. Es sei denn, sie hat irgendeine Bedeutung für die Geschichte. Aber dann wäre sie ja auch relevant

Vermeide es, Sachverhalte zu behaupten

Also beispielsweise: Er erinnerte sich an das Geschenk … sie dachte an ihren Exmann … sie fühlte sich schwach … offensichtlich war sie verletzt … er wusste, dass er verloren hatte … und so weiter
Beispiel:
Vorher: Ich war wütend auf den Doktor.
Nachher: Ich knirschte mit den Zähnen. „Jetzt reicht es. Diesem Doktor wird das Handwerk gelegt, so wahr ich hier sitze!“
Man kann durchaus Dialoge einbauen, um etwas show statt tell zu benutzen.
So kann man Emotionen der Romanfiguren darstellen, ohne sie einfach nur zu benennen. Und denke auch daran, dass du bei eindeutigen Gefühlsäußerungen auf den Redebegleitsatz verzichten solltest. Also beim obigen Beispiel solltest du NICHT noch das folgende Fettgedruckte einfügen:
Ich knirschte mit den Zähnen. „Jetzt reicht es. Diesem Doktor wird das Handwerk gelegt, so wahr ich hier sitze!“, sagte ich wütend.
Denn dass die Ich-Erzählerin wütend ist, kann der Leser dem Zähneknirschen und der Aussage entnehmen.

Überlege dir, wie sich bestimmte Situationen anfühlen und was sie bewirken, anstatt sie einfach zu beschreiben

Ein Beispiel:
Wir verließen das Café und traten hinaus auf die regennasse Straße.
Wir verließen das Café. Regentropfen schlugen mir ins Gesicht und ich fröstelte.
Noch ein Beispiel:
Vorher: Maria putzte die Fenster. Eines befand sich auf Hüfthöhe, das andere fast ganz oben an der Decke.
Nachher: Maria putzte die Fenster. Eines befand sich auf Hüfthöhe, das kleinere hingegen fast ganz oben an der Decke, sodass sie sich strecken musste, um es sauberzubekommen.
Beim zweiten Satz hat man hier ganz deutlich das Bild der sich streckenden Maria vor Augen. Beim ersten Satz ist das eher nicht der Fall, oder?
So kann man etwas Dynamik in eine Szene hineinbringen, die die Vorstellungskraft des Lesers leichter in Gang bringt.

Show, don’t tell bedeutet auch, den Leser seine eigenen Schlüsse ziehen zu lassen

Und dazu gehört auch etwas Mut und Vertrauen in den Leser. Denn es ist nicht gesagt, dass jeder Leser den Schluss zieht, den der Autor im Kopf hatte.
Wenn du beispielsweise eine Person beschreiben möchtest, so versuche doch mal, sie über ihre Handlungen zu charakterisieren. Lass deine Person reden, denken, handeln, ungeschickt sein oder was auch immer. Du musst gar nicht schreiben: Adele war schlampig gekleidet und faul. Verwebe stattdessen die Beschreibung mit einer Handlung. Schildere ihre ausgelatschten Sandalen, ihre schlabbrigen Jogginghosen, ihre trägen Bewegungen und ihren gelangweilten Gesichtsausdruck, wenn sie die Beine auf den Sofatisch legt (und das möglichst ohne seichte Adjektive – probiere es mal). So kann sich der Leser selbst denken, wie Adele drauf ist und er bekommt es nicht von dir fertig interpretiert vorgelegt.
Vielleicht findet die Leserin Adeles Jogginghosen grässlich. Vielleicht aber trägt sie am liebsten genau die gleichen Lieblingsteile und findet sich in Adele total wieder? Das kannst du als Autor natürlich nicht wissen 🙂

Allerdings nimmt show deutlich mehr Raum ein

In den obigen Beispielen ist dies ganz deutlich zu sehen. Show, don’t tell braucht mehr Worte, um etwas zu zeigen.
Es ist immer ein Abwägen, wie detailliert eine Szene beschrieben werden muss, um die Geschichte voranzubringen. Hat die Szene nur untergeordnete Bedeutung, so ist man manchmal mit einem knappen tell besser bedient. Auch wenn du große Zeiträume raffen musst, wirst du um tell nicht herumkommen. Aber das ist in Ordnung.
Merke: Szenen, die die Handlung vorantreiben, sollten gezeigt werden. Szenen, die unwichtig sind, aber zum Verständnis erwähnt werden müssen, sollten knapp erzählt werden.
Das hört sich logisch an. Leider ist es aber leider nicht immer leicht zu entscheiden, wo jetzt tell und wo show angezeigt ist.
Denn nicht alles sollte gezeigt werden. Man kann mit show auch alles in die Länge ziehen, was nicht immer angebracht ist. Beides, show und tell, hat seine Berechtigung in der Geschichte.Manche Autoren haben mit show, don’t tell überhaupt keine Probleme. Sie spüren, wann show angesagt ist und wann tell. Andere hingegen quälen sich damit. Es ist durchaus eine Möglichkeit, in der Rohfassung reines tell zu betreiben und geeignete Szenen erst später auszuschmücken und umzuschreiben.

Zu guter Letzt

Warum neigen eigentlich gerade viele Schreibanfänger und Hobbyautoren fast ausschließliche zum tell, also zum Erzählen?
Weil wir von Kindheit an gewohnt sind, auf diese Weise Geschichten erzählt zu bekommen:
Vor einem großen Walde wohnte ein armer Holzhacker mit seiner Frau und seinen zwei Kindern; das Bübchen hieß Hänsel und das Mädchen Gretel. Er hatte wenig zu beißen und zu brechen, und einmal, als große Teuerung ins Land kam, konnte er das tägliche Brot nicht mehr schaffen …
Tatsächlich. Ja, genau so ist es. Und Mama oder Papa erzählen abends die Gute-Nacht-Geschichte auch nicht anders. Oder schaut mal in die Bibel …
Und wenn wir nun wissen, warum wir auf diese Weise schreiben und wie wir es besser machen können, ist es doch nur noch eine Kleinigkeit, show, don’t tell umzusetzen. Oder?

Gib deinen Namen und deine Email-Adresse an. Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht!. Name and Email fields are required