Erzählperspektive – so machst du es richtig

Erzählperspektive so machst du es richtig Glaskugel

Erzählperspektive

Grundsätzlich gibt es drei Erzählperspektiven.

Die Ich-Perspektive: Hier wird die Geschichte aus der Sicht einer einzigen Person geschildert. Wir stecken quasi im Kopf dieser Person, sehen, was sie sieht und können ihre Gefühle miterleben. Da konsequent  in der Ich-Form geschrieben wird, fällt es den meisten Schreibanfängern leicht, Schwierigkeiten mit der Perspektive zu vermeiden.

 

Die personale Erzählperspektive: Im Prinzip ist dies ähnlich wie bei der Ich-Perspektive. Wir erleben die Geschichte aus der Sicht dieser einen speziellen Person und wissen, was sie sieht, fühlt und denkt. Der Unterschied ist nur, dass der Text in der 3. Person geschrieben wird, statt in der 1. Und hier fangen die meisten Probleme an. Aber dazu später.

 

Die auktoriale Erzählperspektive: Hier wird von oben herab geschaut, ein allwissender Erzähler hat alles im Blick und weiß auch alles. Er weiß, was jede einzelne Figur fühlt, denkt und sieht, außerdem kann er in die Zukunft blicken (Otto konnte nicht wissen, dass alles noch schlimmer kommen würde) und außerdem wirft er Kommentare ein. Die auktoriale Erzählperspektive gab es früher häufiger, z.B. findet man sie bei Erich Kästners Pünktchen und Anton, heute wird sie eher weniger verwendet.

 

Schwierigkeiten bei der personalen Perspektive

Die meistverwendete Erzählperspektive dürfte heute die personale Erzählweise sein. Daher wollen wir uns hier mit den Schwierigkeiten befassen, die speziell mit dieser Perspektive einhergehen.
Vorab: Verwechsle nicht die auktoriale Erzählweise mit der personalen, wenn die Geschichte zum Beispiel aus der Sicht von mehreren Charakteren geschildert wird. Das ist durchaus legitim, sollte aber sauber getrennt werden. George R.R. Martin erzählt zum Beispiel aus der Sicht von ziemlich vielen Charakteren, trennt dies aber sauber nach Kapiteln ab, die immer mit dem Namen der jeweiligen Figur überschrieben sind, die jetzt dran ist mit Erzählen.

 

Headhopping

Wenn innerhalb einer Szene plötzlich die Erzählperspektive gewechselt wird, nennt man das Headhopping. Man springt quasi in den Köpfen mehrerer Figuren hin und her, was überhaupt kein guter Stil ist. Es verwirrt und irritiert, wenn man als Leser  aus dem Kopf von Otto gerissen wird und plötzlich erfährt, was Hanna denkt. Es reißt aus der Geschichte heraus, verlangsamt den Lesefluss und verdirbt letztlich den Lesegenuss.
Meistens passiert dieser Fehler, weil der Autor entweder noch nie etwas von Erzählperspektive und Headhopping gehört hat, oder einfach keine Ahnung hat, wie er die Zusammenhänge in der Handlung anders erklären kann. Vielleicht hat er sich auch noch keine rechten Gedanken dazu gemacht, wer denn nun die wichtigste Person im Buch ist, aus deren Perspektive der Leser die Geschichte erleben soll.

Beispiel:

Otto seufzte. Schon wieder hatte Hanna die Kühlschranktür offengelassen. In dem halben Jahr, das sie nun zusammen waren, hatte er sie schon so oft darauf hingewiesen, dass er es gründlich leid war.
„Hanna! Die Kühlschranktür steht wieder offen!”
Hanna hörte ihn rufen, während sie in der Kammer Wäsche sortierte. Nervös kaute sie auf ihrer Unterlippe und überlegte sich, ob sie sich entschuldigen sollte. Sie hasste es ja selbst, wenn sie so gedankenlos war.
Merkst du das? Erst erfahren wir, dass Otto gründlich genervt ist von Hannas Nachlässigkeit, dann lernen wir, dass es  Hanna sehr leid tut. Doch eigentlich kann Otto gar nicht wissen, dass Hanna ihre schlampigkeit bedauert, er sieht sie ja nicht einmal, da sie im anderen Raum ist. Und dass sie überlegt, sich zu entschuldigen – wie soll er das wissen?
Umgekehrt, wäre die kleine Szene konsequent aus Hannas Sicht geschrieben, so sollte uns als Leser die Information nicht zur Verfügung stehen, dass Otto Hannas Schlampigkeit gründlich leid ist. Auch dass er seufzt, kann Hanna im anderen Zimmer sicher nicht hören. Höchstens, dass er genervt ist, könnte am Klang der Stimme rüberkommen.

 

Warum sollte man das nicht machen?

Zum einen, wie oben schon erwähnt, liest sich der Text schwierig, weil man im Kopf umschalten muss.
Zum anderen aber wird Spannung verschenkt, wenn man immer genau weiß, was in allen Figuren vorgeht. Wäre es nicht interessant, abzuwarten, wie Hanna auf Ottos Vorwürfe reagiert? Wenn wir Hanna nicht kennen, könnte ihre Reaktion die ganze Bandbreite von zornentbrannt auf Otto einschlagen bis unterwürfig-zerknirscht vor ihm kriechen alles sein. So aber ist schon alles erzählt.
Besser ist es, gewissenhaft in dem Kopf der Figur zu bleiben, die du dir als Erzähler ausgesucht hast. Welche das ist, entscheidest du. Und falls du eine weitere Sichtweise bedienen möchtest, so musst du das deutlich kenntlich machen, indem zum Beispiel eine neue Szene oder ein neues Kapitel beginnt.

 

Zu viele Erzählperspektiven

Wenn man mehr als ein oder zwei Figuren hat, in deren Köpfe geschlüpft wird, so kann das dazu führen, dass der Leser Schwierigkeiten hat, mit den Figuren mitzufiebern und letztlich sich mit ihnen zu identifizieren. Letztendlich soll er in die Haut des Protagonisten schlüpfen, seine Emotionen miterleben und mit ihm weinen und lachen. Das geht eigentlich nur mit einer einzigen Person. Vielleicht auch zwei, aber dann wird es zu viel.
Ein Wechsel der Erzählperspektive sollte immer nur dann erfolgen, wenn es gar nicht anders geht. Es sei denn, du bist der nächste George R.R. Martin und schreibst ein ebenso vielbändiges, unvollendetes Monumentalwerk. Und einige seiner Charaktere, in deren Kopf geschlüpft wird, konnte ich auch nicht leiden. Diese Kapitel hätte ich am liebsten übersprungen. So soll es natürlich nicht sein. Deshalb lieber bei einem Protagonisten bleiben und den dann so gestalten, dass die Leser ihn lieben.
Zugegebenermaßen ist es nicht immer einfach, sich auf eine Erzählperspektive zu beschränken. Manchmal muss man Kompromisse eingehen, wenn man Ereignisse darstellen will, die der Protagonist nicht wissen kann. Ein Wechsel der Erzählperspektive scheint hier die einfachste Lösung zu sein. Doch mit ein wenig Nachdenken gibt es bestimmt eine originellere Lösung, die vielleicht sogar noch mehr Konflikte einbringt. Rätsel sind zudem spannend.

 

Es wird nicht in den Kopf geschlüpft, sondern die Figur von außen betrachtet

Otto bemerkte, dass die Kühlschranktür offen stand. Er schloss sie und brüllte Hanna an: „Hanna, die Kühlschranktür stand schon wieder offen!”
Dieser Absatz wirkt seltsam leblos und das kommt daher, dass wir nicht wirklich in Ottos Kopf stecken. Ist Otto wirklich so emotionslos, mal davon abgesehen, dass er brüllt?
Nein. Otto regt sich auf, er schimpft innerlich auf Hanna und das muss auch in einem Text aus Ottos Perspektive klar herauskommen:
Otto schüttelte den Kopf und atmete tief ein und aus, um seinen Ärger zu dämpfen. Schon wieder hatte Hanna die Kühlschranktür offen gelassen. Am liebsten hätte er sie am Arm herbeigezerrt und ihr die Bescherung gezeigt: Die Wasserlache auf dem Fußboden, den verwelkten Salat … aber er beherrschte sich und rief: „„Hanna, die Kühlschranktür steht schon wieder offen!”
Dieser Absatz gibt Ottos Gedanken und Gefühle wieder und dem Leser gleich einen Einblick in seinen Charakter. Hier erfahren wir sofort, dass Otto ein beherrschter Mensch ist und kein Choleriker. Wahrscheinlich liebt er Hanna und bringt es daher fertig, über ihre Schlampigkeit hinwegzusehen.
Zu diesem Punkt gehört auch, dass sich eine Figur sicher niemals folgendermaßen über sich denken würde:  Der gutgebaute Mechaniker bemerkte, dass die Kühlschranktür offen stand. Oder: Der Schwarzhaarige, die blonde Sechzehnjährige, und so weiter.
Dinge, die für den Protagonisten alltäglich sind, würde er nicht erwähnen. „Er kratzte seinen schwarzen Bart, der am Kinn schon leicht weiß wurde” – normalerweise denken wir selten über unser Aussehen nach. Ein anderes Beispiel: Würdest du, wenn du deine Wohnung zum abertausendsten Mal betrittst, darauf achten, aus welchem Holz deine Möbel sind und wie sie im Wohnzimmer arrangiert sind?
Beschreibe also nichts, was deine Figur nicht beachten würde oder was sie schon weiß.

 

Was kann deine Protagonistin wissen?

Beachte auch, was eine Figur wissen kann und was nicht. Eine Person, die kein Bäcker ist, wird sich kaum mit den Feinheiten der Hefegärung auseinandergesetzt haben. Oder ein Mensch, der nicht in diesem kleinen Dorf aufgewachsen ist, kann die komplizierten Beziehungsgeflechte der Alteingesessenen fast nicht durchschauen.
Wenn ein Stadtmensch durch eine Landschaft schreitet, werden ihm andere Dinge ins Auge fallen als einem Umweltaktivisten, der sich Sorgen um das Insektensterben macht. Diese verschiedenen Sichtweisen müssen in deinen Texten zum Tragen kommen.

 

Fazit

Am besten ist es, sich schon vor dem Schreiben Gedanken über die Erzählperspektive zu machen. Sie ist nämlich ziemlich endgültig und lässt sich später kaum korrigieren. Schlüpfe konsequent in den Kopf einer Figur und lass dich nicht aus Bequemlichkeit verleiten, die Erzählperspektive zu wechseln oder einfach einen neuen Erzählcharakter einzuführen.
Prima zum Üben fand ich das Schreiben in der Ich-Perspektive. Da gerät man nicht in Versuchung, Headhopping zu betreiben und es fällt einem ganz gut auf, was die Figur wissen kann und was nicht.

 

Welche Perspektive bevorzugst du? Fällt es dir leicht, ganz in den Kopf deines Protagonisten zu schlüpfen und hattest du schon einmal Probleme, Dinge beschreiben zu müssen, die er nicht wissen konnte? Wie hast du das Problem gelöst?

Gib deinen Namen und deine Email-Adresse an. Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht!. Name and Email fields are required