Charakterentwicklung: Der Charakterbogen

Charakterentwicklung: Der Charakterbogen

Charakterbögen, das ist so eine Sache. Einerseits ist ein Charakterbogen ein hilfreiches Instrument, um sich darüber klarzuwerden, wer denn das nun ist, mit dem man ein ganzes Buch lang auf die Reise gehen will. Meistens ist es eine Art Tabelle, in der die wichtigsten Eigenschaften deines Charakters aufgelistet werden.

Da gibt es aber ein Problem…

Andererseits stehst du vor der nicht unerheblichen Schwierigkeit, dass du am Anfang, also wenn dir gerade einmal die Idee für deine Geschichte vor Augen steht, meist noch überhaupt nichts über deine Hauptfiguren weißt.

In diesem Stadium der Romanentwicklung machten mich Charakterbögen immer hilflos, weil ich dasaß, Hobbys und Freizeitgestaltung meiner Protagonistin eintragen sollte und ich keinen Plan hatte. Wenn ich dann irgendwas reinschrieb, was ich dachte, das zu ihr passen könnte, stellte sich meist im Verlauf des Schreibens heraus, dass es a) völlig irrelevant war, wie sie ihre Freizeit gestaltete, und b), dass sich der Charakter so in die andere Richtung entwickelt hatte, dass dieses Hobby, wenn es denn wichtig gewesen wäre, für sie nicht mehr in Frage käme.

Genauso schlimm ist es, wenn du dich willkürlich auf bestimmte Eigenschaften einer Figur festlegst (z.B. groß und dünn) und später, nachdem du schon tagelang geplottet hast, wird dir klar, dass eine kleine fette Protagonistin allein durch ihr Aussehen viel größeres Konfliktpotential bietet, was wir Schriftsteller ja brauchen und lieben. Jetzt musst du aber ihre komplette Vergangenheit noch einmal ändern… und der Name passt auch nicht mehr… und…

Also Vorsicht mit dem willkürlichen Ausfüllen von Charakterbögen!

Charakterbögen sind aber trotzdem eine feine Sache, wenn man sie sinnvoll nutzt. Sie helfen dir, dir über Eigenschaften/ Eigenheiten deines Charakters klarzuwerden, an die du sonst vielleicht nicht gedacht hättest. Außerdem bieten sie eine gute Gedächtnisstütze; mir dienen sie vor allem als Nachschlagewerk, wenn ich mal wieder vergessen habe, welche Augenfarbe meine Protagonistin hat.

Nicht zu früh mit den Charakterbögen anfangen

Ich entwickle meine Figuren mithilfe eines Charakterbogens mittlerweile so, dass ich zu Anfang erst einmal alles ausfülle, was ich über die Person weiß. Und das ist am Anfang erschreckend wenig, oft genug weiß ich noch nicht einmal den Namen. Das ist aber gar nicht schlimm! Dann bastel ich ein wenig am Plot herum, und schwupps, fällt mir etwas ein über den Charakter, was ich dringend in den Bogen aufnehmen sollte. Dabei ist es mir auch schon passiert, dass eine Figur, die ursprünglich als Mann auftreten sollte, plötzlich besser eine Frau wäre.

Wenn du so parallel mit Plot und Charakterentwicklung vorgehst und den Charakterbogen begleitend nutzt, stehen dir deine Charaktere hoffentlich immer klarer vor Augen, sodass du am Ende beim Schreiben den Charakterbogen nur noch selten zur Hand nehmen musst, weil du sowieso alles im Kopf hast. So geht es mir jedenfalls. Auf diese Weise.entstehen tiefgründige, lebendige Romanfiguren, die authentisch und nachvollziehbar handeln können.

Und jetzt mal konkret

Ich habe mir viele Charakterbögen im Netz angeschaut und mir letztendlich meinen eigenen, auf meine ganz speziellen Bedürfnisse angepassten entwickelt, und ich empfehle dir dringend, dies auch zu tun. Dazu kannst du dich im Netz umschauen, es gibt viele Vorlagen, die man herunterladen und dann seinen eigenen Vorlieben entsprechend anpassen kann.

Welche Punkte gehören in einen Charakterbogen?

HIer liste ich ein paar Punkte auf, die recht hilfreich sind, wenn man seine Charakter näher beschreiben will. Natürlich kannst du die Aufzählung nach Belieben ergänzen, kürzen, Reihenfolge ändern, wenn das logischer ist für dich… wie du magst. Ein Charakterbogen, den man für eine Fantasy-Geschichte schreibt, müsste wohl um einige Punkte ergänzt werden (z.B. Waffen, magische Fähigkeiten,…), genauso einer für historische Romane. Wie gesagt, dies ist nur eine rohe Vorlage, die du dir ausbauen kannst.

Allgemeines
  • Name
  • Geburtsdatum und Alter
Körperliche Ebene
  • Größe/ Gewicht/ Statur/ Körperbau
  • Haarfarbe/ Haarstruktur/ Frisur
  • Augenfarbe
  • Auffällige Gesichtsmerkmale
  • Haut (Beschaffenheit, Farbe, …)
  • Mimik/ Gestik/ Körperhaltung
  • Sprache (Akzent/ Dialekt…)
  • Stimme (hoch/ tief, schnell/ langsam,…)
  • Kleidungsstil
  • Schmuck
  • Gesundheit/ Fitness
Umfeld/ soziale Aspekte
  • Wohnsituation
  • Gesellschaftsschicht/ Ansehen
  • Beruf (Stellung, Beziehung zu Kollegen und Vorgesetzten, Aufgaben, …) und Einkommen
  • Evt. Nationalität/Religion
  • Beziehung zur Familie/ Erziehung/ prägende Erlebnisse
  • Prägende Erlebnisse in Kindheit/Jugend/Erwachsenenalter
  • Fakten zu Kindheit/Jugend/Erwachsenenalter (Schule/ Ausbildung/…)
  • Beziehung zu anderen prägenden Personen/ prägende Erlebnisse
  • Liebesleben/ Verhältnis zum Partner/Ex/ wie kennengelernt/ prägende Erlebnisse/ Fantasien
Geistig-seelische Aspekte
  • hervorstechender positiver Charakterzug
  • Hobbys/ Vorlieben/ Interessen:
  • Bedürfnisse/ Sehnsüchte/ Der größte Wunsch/ Nahziel und Fernziel/Motivation
  • hervorstechender negativer Charakterzug
  • Vorurteile/ Abneigungen gegenüber:
  • Angewohnheiten/ Ticks/ Schwächen/ Ängste /Abwehrmechanismen/Reaktion in Extremsituationen/Phobien
  • Intelligenz:
  • Moralvorstellungen:
  • Geschmack (Bücher, Essen, Filme, Musik, etc.):
Stellung in der Geschichte
  • Bedeutung des Charakters für die Geschichte (warum gibt es diesen Charakter?)
  • Beziehung zu Personen der Geschichte (wie beeinflussen sie den Charakter?)
  • Veränderung/ Entwicklung des Charakters (Zustand am Anfang/ Zustand am Ende)
  • Feinde
  • Freunde
  • Erster/Letzter Auftritt
  • Wirkung des Charakters in der Geschichte

Ganz schön viel! Und die Liste hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Manchmal überschneiden sich auch gewisse Punkte, aber das wirst du dann sehen.

Doch das Ausfüllen lohnt sich, denn je sorgfältiger du deine Charaktere entwirfst, desto lebendiger und glaubwürdiger wirken sie letztlich in deiner Geschichte. Und darauf kommt es an!

Und wie gesagt, verfall nicht sofort in Panik, wenn du nicht zu allen Stichworten gleich eine Antwort weißt. Manchmal hat der Charakter einfach keine abstoßenden Marotten, dann kannst du eben nichts hinschreiben. Und für alles andere fällt dir später bestimmt noch etwas ein, wenn dein Plot ausgefeilter ist.

Vielleicht magst du so einen Charakterbogen als Tabelle formatieren, dann hast du eine prima Übersicht. Ich persönlich neige dazu, viel Fließtext zu schreiben und arbeite lieber mit einer Liste, wo ich die einzelnen Punkte dann untereinander aufschreibe. Der Übersichtlichkeit halber schreibe ich meine Antworten in roter Farbe dazu.

Für welche Figuren sollte der Charakterbogen ausgefüllt werden?

Für so viele, wie du möchtest. Ich habe für mich beschlossen, für alle Hauptfiguren meines Romans einen anzulegen. Allerdings fülle ich sie manchmal recht schlampig und unvollständig aus, je nachdem, wie wichtig die Figur bzw. die betreffende Eigenschaft für die Geschichte ist. Manchmal wird es dann mehr ein Charakterblatt statt eines Bogens… Zumindest aber beim Protagonist und Antagonist gebe ich mir richtig Mühe.

Ja, ich gebe zu, es ist viel Arbeit und nicht jedem macht das Ausfüllen von Charakterbögen Spaß. Und es ist auch keine Pflicht, es gibt noch andere Möglichkeiten.

Hast du einen Charakterbogen für dich gebastelt? Für welche Figuren füllst du ihn aus?

Hältst du den Einsatz von Charakterbögen sinnvoll? Lass es uns wissen!

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