Testleser – wo findet man sie und meine Erfahrungen dazu

Mädchen und Hund lesen ein Buch

Hurra, du hast dein erstes Manuskript beendet! Du könntest vor Stolz platzen, aber leider ist die Arbeit hiermit noch nicht erledigt. Jeder, der zum ersten Mal ein Buch veröffentlichen möchte, steht vor dem Problem, geeignete Testleser zu finden.

Warum solltest du Testleser suchen?

Mal ganz unabhängig davon, ob dein Roman noch einem Lektorat unterzogen wird oder nicht (ein professionelles Lektorat ist für viele Selfpublisher aus Kostengründen ein Problem, aber das ist ein anderes Thema): Testleser geben dir in der Regel kostenlos wertvolles Feedback zu deinem Text, sodass du etliche Mängel schon mal ausmerzen kannst.

Denn auch wenn du deinen Roman x-mal durchgehst, wirst du ihn nie komplett aus Lesersicht sehen können. Dazu bist du einfach zu nahe am Text. Du kennst ja fast jeden Satz auswendig, du kannst einfach nicht objektiv sein!

Testleser sind soo wertvoll! Sie lesen deinen Text völlig ohne Vorbelastung und können daher sagen, wo es mit der Logik hapert, wo die Charaktere unstimmig oder zu flach sind, wo es an Spannung fehlt und so weiter. Manche Testleser sind auch gut im Aufspüren von Rechtschreib- und Grammatikfehlern.

Für mich war absolut klar: Ich brauche Testleser.

Wer ist als Testleser geeignet?

In der Regel hast du, wenn du dein erstes Manuskript beendet hast, noch keine oder wenig Kontakte geknüpft und die dringend benötigten Testleser stehen nicht gerade Schlange. Das ist blöd, denn gerade für Neulinge mit wenig Erfahrung sind gute Testleser unentbehrlich.

Naheliegend ist es da, jemanden aus der Familie zu beauftragen. Familienmitglieder oder auch Freunde haben ihre Vor- und Nachteile.

Vorteile:
  • Sie sind schnell erreichbar, du musst nicht lange suchen. Ein Anruf oder ein Gespräch genügt.
  • Sie werden in der Regel auf deine empfindliche Autorenseele Rücksicht nehmen. Klar ist ehrliche Kritik wertvoll, aber was nützt dir das, wenn du am Boden zerstört bist und alles hinwerfen willst.
Nachteile:
  • Der letzte Vorteil ist ganz klar auch ein Nachteil. Es könnte sein, dass sie sich nicht trauen, dir ein ehrliches Feedback zu geben. Dann hörst du „Dein Buch ist sowas von super!“, was dir aber nichts bringt, weil es in dieser Phase der Überarbeitung mit 99%iger Wahrscheinlichkeit nicht stimmt.
  • Sie sind nicht objektiv. Sie kennen dich und werden vieles anders interpretieren als Testleser, die dich nicht kennen (nach dem Motto: „Ach, das ist jetzt aber typisch Stephanie!“).
Neutral
  • Es könnte sein, dass ihnen das Genre oder die Geschichte an sich nicht gefällt, sie aber trotzdem tapfer weiterlesen. Die Frage ist hier, ob die Kritik eines widerwilligen Lesers dich weiterbringt.

Idealerweise findest du in deinem Umkreis Menschen, die dein Genre mögen. Wenn aber niemand in der Hinsicht vorhanden ist, wähle jemanden aus, der gerne und viel liest. So jemand kann sich auch mal außerhalb seines Lieblingsgenres einlesen. Der ungünstigste Fall ist Onkel Henry, der noch nie ein Buch in die Hand genommen hat. Aber das versteht sich von selbst.

Meine Erfahrung mit Familienmitgliedern und Freunden als Testleser

Zur Zeit lasse ich mein Drachenbuch testlesen. Meine Tochter wünschte sich ein Buch über Drachen und so schrieb ich im NaNoWriMo 2016 völlig spontan ein Drachenbuch. Es ist an die Altersgruppe von ca. zwölf bis vierzehn Jahren gerichtet. Was liegt also näher, jemanden aus dieser Altersklasse zu fragen, ob ihm oder ihr das Buch gefällt?

Kinder bzw. Jugendliche als Testleser

Von Jugendlichen oder gar Kindern kann man natürlich keine Kritik erwarten, die tief in den Text hineingeht. Aber was sie unentbehrlich macht, ist ihr Fazit, ob das Buch denn nun gut oder weniger gut war. Ob sie es verschlingen oder es weglegen oder irgendetwas dazwischen.Mädchen liest ein Buch

Als erstes gab ich mein Drachenbuch meiner Tochter (13). Sie liest bedauerlicherweise wenig und nur das, was ihr gefällt. Tatsächlich legte sie das Buch nach anfänglicher Begeisterung für mehrere Wochen (!) beiseite. Die Mitte wäre langweilig, sagte sie.

Was sagt uns das über Familienmitglieder? Auch sie können wertvollen Input geben. Natürlich habe ich erstmal geschluckt.

Mein zweiter Testleser war mein Sohn mit elf Jahren. Er liest viel und gern und kam über die „langweilige Mitte“ prima hinweg. Mein Dilemma war nun, was mache ich mit der Mitte?

Am Schluss fragte ich beide, wie viele Punkte sie meinem Buch auf einer Skala von 1-10 geben würden. Nein, ich verrate nicht, was sie gesagt haben 😉

Erwachsene Testleser aus der Familie

Ich habe mein Buch einer Vielleserin aus der Familie gegeben. Allerdings bevorzugt sie Krimis. Daher stellt sie nicht die allergeeignetste Testleserin dar, aber sie hat sich freiwillig zur Verfügung gestellt und so ein Angebot schlägt man ja nicht aus. Diese Person hat aber pädagogische Erfahrung und kennt sich mit Kindern aus, was wiederum ein Pluspunkt ist. Ihre Lesegeschwindigkeit sank allerdings dadurch, dass sie normalerweise keine Kinderliteratur liest und so dauerte es, bis ich Feedback von ihr bekam.

Mein Fazit: Ich war positiv überrascht. Sie hat überaus sorgfältig gelesen und gab mir wirklich hilfreiche Tipps, unter anderem auch zur Gestaltung. Es gibt sie also, die ehrlichen Testleser, auch in der Familie! Sogar hatte ich das Glück, bedeutend mehr als ein „gefällt mir“ zu hören! Meine kindlichen Testleser hatten viele Fehler gar nicht bemerkt.

Person 2 bot sich ebenfalls als Testleserin an. Nun ist sie noch extremer in ihrem Lesegeschmack, ist in einem Literaturkreis aktiv und liest wirklich anspruchsvolle Dinge. Ich war überrascht und wies sie mehrmals darauf hin, dass es ein Kinderbuch sei. Tatsächlich teilte sie mir nach 20 Seiten Lektüre mit, dass es ihr doch zu anstrengend wäre, solche Bücher zu lesen. Okay, kein Problem. Aber dann hat sie sich doch anders entschieden! Sie kam mich besuchen, ackerte mit mir Seite für Seite das Buch durch und gab mir wertvolles Feedback.

Mein Fazit: So extrem genreferne Testleser sehen das Ganze noch einmal von einer völlig anderen Perspektive. Von Person 2 habe ich Dinge gehört, die mir kein anderer Testleser gesagt hat. Hier muss man natürlich abwägen, ob alles so zutreffend ist, aber einiges hat mich echt verblüfft. Und sprachlich hat sie, als Anhängerin von anspruchsvollen Büchern, meinen Text enorm weitergebracht!

Ganz allgemein muss man dazu sagen, dass Menschen, die anspruchsvolle Literatur lieben und sich damit gut auskennen, nicht unbedingt Ahnung davon haben, wie man schreibt. Egal, ob wir nun von Unterhaltungsliteratur oder „gehobener“ Literatur sprechen. Finde heraus, ob sich dein Literaturkenner mit dem Handwerklichen auskennt. Sprich, ob er weiß, wie ein guter Spannungsbogen aussieht, wie man Charaktere aufbaut et cetera. Dann kannst du seine Äußerungen entsprechend bewerten.  Ein Gourmet muss nämlich nicht unbedingt gleichzeitig ein guter Koch sein!

Völlig fremde Testleser

Wo findet man Testleser, die einen nicht kennen und daher völlig unvoreingenommen an den Text herangehen können? Dank Internet (Facebook-Schreibgruppen, Foren, Blogs, Buchportale wie lovelybooks, …) sollte es kein Problem sein, lesewillige Menschen zu finden. Eine Facebook-Gruppe, über die ich letztens gestolpert bin, ist diese hier. Allerdings hatte ich noch keine Möglichkeit, das auszuprobieren, werde es aber sicher noch tun. Falls du gute Erfahrungen gesammelt hast, schreibe gerne einen Kommentar!

Schwieriger ist es, zuverlässige, vertrauenswürdige und konstruktiv kritisierende Testleser unter all denen herauszufiltern, die sich melden. Also Leute, die dein Manuskript nicht stillschweigend hinwerfen und sich nie wieder melden, oder womöglich deinen Text irgendwo in den Weiten des Netzes unter eigenem Namen veröffentlichen (soll es schon gegeben haben!). Und dann soll es im Idealfall auch noch harmonieren zwischen Autor und Testleser.

Meine Erfahrungen mit fremden Testlesern

Ich hatte zwei mir unbekannte Testleserinnen für mein Drachenbuch. Beide habe ich über ein Forum gefunden, in dem ich aktiv bin.

Der ersten habe ich nur eine Leseprobe über ca. 20 Seiten geschickt, das war noch, als das Buch noch nicht einmal fertig geschrieben war. Aber schließlich will man ja schon vorher wissen, ob der Text Stuss ist oder nicht, ehe man sich die Mühe macht, weitere Seiten zu produzieren! Ich bekam schon in diesem Stadium wertvolles Feedback, das mir half, von vorneherein die Mitte und den Schluss besser zu schreiben. Sie empfahl mir unter anderem, die Charaktere der Drachen noch besser auszuarbeiten. Ich war froh, das am Anfang zu hören und mir eine mühevolle Überarbeitung des ganzen Romans sparen zu können.

Mein Fazit: Zwei Dinge konnte ich hier lernen:

Erstens: Es macht Sinn, seinen Text schon recht früh testlesen zu lassen, um nicht bestimmte Fehler bis ans Ende hin mitzuschleppen. Oder im schlimmsten Fall das Konzept noch einmal komplett umwerfen zu müssen.

Zweitens: So ein Statement hätte ich von jemandem aus der Familie eher nicht bekommen. Von Charakterentwicklung hat da noch nie jemand etwas gehört.

Der zweiten Testleserin habe ich meinen Text komplett geschickt, nach Überarbeitung aufgrund der Kommentare der Familie. Zwar hat meine Testleserin selbst noch nichts veröffentlicht (das wäre der Premiumfall gewesen), aber sie schreibt selbst und kennt sich handwerklich aus. Das ist ein Punkt, den ich unbedingt hervorheben möchte. Kommentare, die ein solcher Testleser abgibt, bringen dich schreibtechnisch gesehen enorm weiter. Du erhältst Tipps, die nicht aus dem Bauch heraus gegeben werden wie (meist) in der Familie, sondern die auf schriftstellerischen Regeln und Konventionen basieren.

Es versteht sich von selbst, dass du hier darauf achten musst, was ist das für ein Mensch, dem ich da mein Manuskript überlasse, hat er oder sie auch wirklich Ahnung und kann ich ihm/ihr vertrauen? Aber wenn du so jemanden gefunden hast, der sich damit auskennt, wie ein Buch entworfen und geschrieben wird, idealerweise dein Genre liebt, zuverlässig ist und ehrliches, konstruktives Feedback gibt, hast du schon sehr viel gewonnen! Dann musst du nur zusehen, dass du dir diese Person warmhältst für zukünftige Projekte.

Übrigens: Gutes Testlesen ist eine Menge Arbeit. Je nachdem, wo du deine Testleser rekrutiert hast, solltest du bereit sein, auch das Manuskript deines Testlesers gegenzulesen.

Wie viele Testleser sollte man haben?

Ich habe von Autoren gehört, die sich sich nur aufs Lektorat beschränken und gar keine Testleser haben. Manche kommen mit nur drei Testlesern aus, und andere lassen von zwanzig Leuten gegenlesen. Denke aber daran: Wer viel fragt, kriegt viele Antworten. Und letztlich kann ein Buch nicht jedem gefallen, das ist auch Geschmackssache. Die handwerklichen Fehler solltest du ausmerzen, keine Frage, aber der gleiche Text kann bei dem einen Begeisterungsstürme auslösen und beim anderen nur ein gelangweiltes Gähnen.

Du musst selbst entscheiden, wann es genug ist. Hast du qualitativ gut arbeitende Testleser, genügen wahrscheinlich einige wenige. Bei Leuten, die ein vages „gefällt mir eher nicht so“ von sich geben, brauchst du schätzungsweise eher mehr, bis du zu deinem gewünschten Ergebnis kommst.

Ich selbst werde es nun so handhaben, dass ich die Hinweise meiner Testleser einarbeite, soweit ich sie für sinnvoll halte. Dann werde ich eine zweite Testleserrunde starten. Und damit sollte diese Phase abgeschlossen sein.

Mein abschließendes Fazit zur Auswahl von Testlesern

Warum beschreibe ich so ausführlich meine ersten Erfahrungen mit Testlesern? Weil ich glaube, dass viele so wie ich, die ein erstes Manuskript in ihren Händen halten, nicht recht wissen, wie sie nun weiter vorgehen sollen. Testleser aus Expertenkreisen sind nicht vorhanden und Feedback aus der Familie und dem Bekanntenkreis wird eher belächelt. Dabei kann es auch unter dieser Personengruppe „Perlen“ geben, auch wenn man es anfangs dem- oder derjenigen gar nicht zugetraut hat. Person 2 aus meiner Familie war ein solches Beispiel.

Ich denke, beide Gruppen, sowohl die Familie als auch die fremden Testleser, haben ihre Berechtigung. Es ist auch schwierig, Testleser in solche Schubladen zu stecken, denn in erster Linie sind es Menschen mit allen ihren persönlichen Vorlieben und Eigenheiten, ob sie nun zur Familie gehören oder nicht.

Übrigens sollen Stephen KingsTestleser überwiegend aus seiner Familie stammen, wie ich in diesem Video erfahren habe. Na also!

Daher wende dich ruhig erst einmal an die Familie und lass deinen Text auf alle möglichen Schwächen abklopfen. Bemühe dich, wenigstens einen dir fremden Testleser zu finden. Scheue dich auch nicht, nach ehrlicher, vielleicht auch harter Kritik zu verlangen. Das tut zwar am Anfang weh, vor allem, wenn man noch nicht veröffentlicht und daher noch keine Bestätigung erfahren hat, aber was nützen dir schöngeredete Kommentare, wenn dein Buch dann bei Amazon verrissen wird?

Wo findest du deine Testleser? Wie sind deine Erfahrungen mit Familienmitgliedern oder unbekannten Personen als Testleser? Wie viele findest du angemessen? Teile mir deine Erfahrungen mit, das interessiert mich brennend!

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