10 Gründe, warum deine Hauptfigur unglaubwürdig wirkt

Was bleibt dir von einer guten Geschichte am meisten in Erinnerung? Also ich erinnere mich in vielen Fällen gar nicht mehr genau an die Handlung, wohl aber an die Hauptfigur. Ist eine Figur glaubhaft und dreidimensional gestaltet, sodass sie sich fast wie ein realer Mensch anfühlt, bleibt sie einem im Gedächtnis wie ein guter Freund.
Ich habe schon einiges zur Charakterentwicklung geschrieben, nämlich hier, hier und hier. Jetzt dachte ich, ich könnte mal einen Blogartikel darüber schreiben, wie man es NICHT machen sollte. Denn auch daraus kann man viel lernen.

 

So wird deine Hauptfigur möglichst unglaubwürdig

 

1. Deine Hauptfigur ist langweilig oder abstoßend

Das ist ziemlich schlimm, denn wenn dein Protagonist nicht gemocht wird (das wäre immerhin eine Emotion – wenn auch die „falsche”) oder noch schlimmer, der Leser ihm gleichgültig gegenübersteht, warum sollte er dann dein Buch lesen? Er wird es in die Ecke werfen. Wenn den Leser die Probleme der Hauptfigur nicht vom Stuhl reißen kann, weil er sie langweilig findet, ist definitiv etwas falsch gelaufen.
Abhilfe schaffst du hier natürlich, indem du der Figur möglichst positive und liebenswerte Eigenschaften verpasst.

 

2. Deine Hauptfigur ist passiv

Ein Protagonist, der nur in der Ecke hockt und schaut, was denn da passiert, wird niemanden faszinieren. Wenn er nur ein Spielball der Ereignisse ist, anstatt aktiv einzugreifen. Hier solltest du schauen, ob dein Protagonist überhaupt ein Ziel aufzuweisen hat, für das er kämpfen möchte. Auch kann es sein, dass nicht genügend Hindernisse und Probleme da sind, die ihn ein wenig aus der Reserve hervorlocken und ihn zum Handeln animieren. Konflikte sind das A und O, um deinen Protagonisten aktiv werden zu lassen und gleichzeitig seinen Charakter zu zeigen —> wie geht er mit den Problemen um?

 

3. Deine Hauptfigur agiert unlogisch

Charaktere, die sich im Chaos verzetteln, mal hier und mal da agieren und kein klares Ziel vor Augen haben, werden schnell unglaubwürdig. Was ist seine Motivation? Warum verhält er sich so, wie er es tut? Wenn du den Leser mit sprunghaften, unlogisch handelnden Hauptfiguren verwirrst, wird er schnell aus der Geschichte aussteigen.

 

4. Deine Hauptfigur ist zu perfekt

Hauptfiguren, die nur positive Eigenschaften haben, rufen im Leser erstaunlicherweise eher Abwehr hervor. Warum das so ist, kannst du hier nachlesen.

 

5. Deine Hauptfigur ist klischeehaft

Die meisten Leser winken schon ab, wenn sie mit solchen Typen konfrontiert werden. Der bullige Motorradrocker mit den Tattoos. Der Oberlehrer mit der Brille auf der Nase. Die super-gutaussehende blonde Sekretärin. Nein, lass dir da mal lieber etwas Besseres einfallen.

 

Tipp:

Nimm doch einfach mal ein paar gute und schlechte Eigenschaften und würfele sie zusammen. In diesem Artikel https://schreibscheune.de/wie-erreiche-ich-identifikation-meiner-leser-mit-dem-protagonisten/ findest du eine Liste positiver Eigenschaften zum Herunterladen. Also nehmen wir beispielsweise die Eigenschaften „ehrlich”, „gutaussehend”, „sanftmütig” und kombinieren sie mit „arrogant” und „faul”. Heraus kommt, sagen wir einmal ein männlicher Protagonist, der anderen Menschen völlig gnadenlos die Wahrheit ins Gesicht sagt, dadurch sofort arrogant wirkt. Allerdings ist er sowieso oft zu faul, den Mund aufzumachen – ich stelle mir sofort einen gemütlichen Dicken vor (”sanftmütig”), der aber auch, wenn er einmal in Fahrt kommt, richtig ungemütlich sein kann. Ja, und auch dicke Männer können auf ihre Art gutaussehend sein.
Na schön, vielleicht hast du andere Assoziationen, und ja, manche Eigenschaften wie „sanftmütig” und „arrogant” gleichzeitig kombinieren sich schwer. Aber das Prinzip dürfte klar sein.
Natürlich kann man das Rad nicht neu erfinden. Einige Eigenschaften sind nun mal nötig, um der Geschichte einen Sinn zu geben. So muss der Bösewicht böse sein. Aber gibt man ihm eine glaubhafte Erklärung mit, warum er böse ist, relativiert sich diese Eigenschaft schon wieder. Und die Zeit der Bösewichte, die „von Natur aus” böse sind, ist sowieso vorbei. Schattierungen sind angesagt, statt stures Schwarz oder Weiß.

 

6. Deine Hauptfigur handelt entgegen ihrer Persönlichkeit

Dieser Punkt ist sehr interessant. Du kannst einen noch so dreidimensionalen Protagonisten entwickelt haben, wenn er aber an irgendeinem Punkt der Geschichte entgegen seinem Charakter handelt (den du ja entworfen hast), verzeihen dies die wenigsten Leser. Also beispielsweise der knallharte Banker, der reihenweise alle über den Tisch zieht, Bestechungsgelder annimmt und gar Morde begeht, aber an irgendeiner Stelle plötzlich dem Protagonisten seine Schulden erlässt – nur damit der Plot weitergehen kann. Puh, da muss man sich schon eine sehr gute Erklärung dafür ausdenken, oder besser noch, den Banker weiterhin böse sein lassen und sich was anderes überlegen.

 

7. Deine Hauptfigur hebt sich nicht ab.

Sprechweise, Verhalten, Gewohnheiten, Körpersprache, Denkweise – all das sollte einzigartig sein und nicht zu verwechseln mit irgendwelchen anderen Figuren. Im Idealfall erkennt der Leser schon an der Sprechweise, welche Figur gerade redet. Es gibt einige Tricks, wie man das erreichen kann – hier kannst du es nachlesen.
Ein fader, blasser Protagonist ist für Leser nicht zu greifen – wer ist das nochmal? Seine Eigenschaften sollten hervorstechen, gut herausgearbeitet und gezeigt werden und zwar unverwechselbar.

 

8. Deine Hauptfigur macht keine Entwicklung durch

Ganz schlecht. Dein Protagonist sollte gegen Ende der Geschichte ein anderer sein als vorher. Schließlich hat er etwas Einschneidendes erlebt, es wäre seltsam, wenn er sich NICHT veränderte. Allein aus diesem Grund ist es nicht ratsam, sogenannte Mary Sues zu erschaffen. Was sollen denn solche hochperfekten Menschen denn noch dazulernen können? Es gibt natürlich sogenannte statische Charaktere, aber das sind Ausnahmen.

 

9. Deine Hauptfigur verändert sich zu schnell

Das wäre das Gegenstück zu Punkt 8, und hier wird es wieder unglaubwürdig. Kein Mensch lernt in drei Wochen eine neue Fremdsprache, legt seine Schüchternheit ab oder wird vom grauen Häschen zur Femme fatale. Wenn du ihm keine Zeit gibst, sich zu verändern, wird es unrealistisch und damit für den Leser langweilig.

 

10. Deine Hauptfigur hat zu viele Probleme

Ja, man kann auch zu dick auftragen. Wenn dein Protagonist Krebs hat, gerade seine Mutter beerdigen musste und in einer Scheidung steckt, außerdem noch seine Wohnung verlassen muss, weil die Ex sie in Brand gesteckt hat und dabei die Katze ums Leben kam, dann wäre das ein bisschen zu viel des Guten. Wenn einer nur noch am Jammern und Stöhnen ist und leidet ohne Ende, stößt dies irgendwann ab. Hat auch irgendwie mit Punkt 2 zu tun – wenn der Protagonist zu passiv ist und alles auf ihn einprasselt, ohne dass er aktiv dagegen angeht.
 
Wenn man die Liste so liest, hört es sich unheimlich schwer an, gute Charaktere zu erschaffen … besonders die Klischeefalle finde ich tückisch. Was nervt dich besonders an Figuren? Gibt es einen Punkt, den ich vergessen habe?

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