Show don´t tell: Praktische Beispiele

Show don´t tell

Wie oft habe ich mich in der letzten Zeit  mit show, don’t tell beschäftigt. Aber es ist ja auch eine wichtige Sache und dauert eine Weile, bis einem die Technik in Fleisch und Blut übergeht. Von daher schadet es nicht, sich ab und zu mal wieder damit zu befassen.

Ganz kurz, was ist show, don’ tell? Zeigen, nicht erzählen. Erzeuge Kopfkino in der Fantasie deines Lesers. Wie das geht und was man beachten muss, habe ich in diesem Artikel schon erläutert.

So geht „tell”

Vor allem in Märchen findet man tell in Reinform. „Es lebte einmal in einem dunklen Wald ein Holzhacker mit seinen beiden Kindern. Sie waren arm und hatten kaum zu essen.” (frei nach den Gebrüdern Grimm)

Und wer hat als Kind nicht Märchen gelauscht? Uns wurden Geschichten „erzählt”, ich schätze mal, nur sehr wenige Eltern beherrschen die Kunst, Geschichten wie ein professioneller Geschichtenerzähler zu rezipieren, welcher sich durch eine bild- und lebhafte Sprache auszeichnet.

Daher hat sich dieses „tell” ziemlich stark in unserer Denk- und Schreibweise verankert.

Peter trank ein Glas Wasser und erzählte dann seiner Frau von seinem anstrengenden Tag.

Fiona sagte tief bewegt: „Das muss Liebe sein.”

Leider fehlt hier das Kopfkino. Es wird erzählt, was Peter und Fiona tun und denken. Gezeigt wird es nicht.

Nun braucht show meist ein wenig mehr Platz als ein schlichtes tell. Aber das ist in Ordnung, wenn die Szene wichtig ist. Dann sollte man sie ruhig ausführlich zeigen. Umgekehrt, wenn etwas eigentlich unwichtig ist und nur zum Verständnis zwangsläufig erwähnt werden muss, kann man sich ruhig eines schnellen tell bedienen.

Aber jetzt soll es nicht um tell gehen, das beherrschen wir meist alle ziemlich gut.

Ich möchte stattdessen ein paar praktische Beispiele bringen, die show, don’t tell hoffentlich noch mehr verdeutlichen.

Eine Personenbeschreibung vom tell ins show umschreiben

Tell: Annabell war eine eindrucksvolle Frau von außergewöhnlicher Größe. Ihre rotglänzenden Haare trug sie aufgetürmt auf dem Kopf und ihr schlanker Körper steckte in einem engen schwarzen Kleid. Ein arrogantes Lächeln unterstrich ihre starke Persönlichkeit.

Das Problem bei obiger Personenbeschreibung sind unter anderem die vielen Adjektive, die zur Beschreibung von Annabell benutzt werden. Statt Adjektive sollte man lieber starke Verben benutzen, die etwas Bewegung in die Beschreibung hineinbringen. Lasst es uns versuchen:

Show: Annabell stand in der Tür. Kurz ließ sie die Blick über die Gesellschaft schweifen, als wägte sie ab, ob es sich lohnte, den Raum zu betreten. Schließlich schien sie zu einem Entschluss gekommen zu sein und wogte wie eine Königin in den Raum. Die Gespräche stockten. Gesichter wandten sich der Frau zu, aber Annabell sah durch sie hindurch, als wären sie Luft. Lag es an ihrer außergewöhnlichen Haarfarbe, dass in den Männeraugen etwas Lauerndes, Gieriges aufblitzte? Annabell strich wie versehentlich über den schwarzen Stoff ihres Kleides und hob lächelnd das Kinn.

Eine Landschaftsbeschreibung

Tell: Sarah saß im Sattel ihres Pferdes, das träge über die Wiese dahintrottete. Dort vorne sah sie den Fluss, den sie bald überqueren musste. Die Sonne brannte heiß vom Himmel, sodass das kalte Wasser etwas Abkühlung versprach.

Show: Der Sattel knarrte, als Sarah sich vorbeugte und mit der Hand ihre Augen beschattete. War das silberne Band dort vorne in dem endlos wogenden Gras der Fluss? Das Pferd schnaubte und versuchte, ihren kurzen Moment der Unaufmerksamkeit zu nutzen, um ein paar Büschel abzureißen. Sarah lachte. Sie trieb es mit einem energischen Schenkeldruck an und meinte die modrige Erde des Flussufers schon in der Nase zu spüren. Endlich etwas Abkühlung!

Emotionen

Willst du Emotionen beschreiben, so stelle dir genau vor, was deine Figur tut. Wenn du z.B. Angst ausdrücken willst, so frage dich: Wie steht sie da, wie ist ihre Haltung? Wie ihre Gesichtszüge? Wird sie stöhnen, schreien?

Tell: Sie fürchtete sich vor dem dunklen Schatten in der Ecke.

Show: Sie warf einen Blick in die Ecke. Ihr Herz begann zu rasen. Was verbarg sich da in der Finsternis?

Was für Möglichkeiten, Angst auszudrücken, gibt es noch?

Show: Ihr brach der Schweiß aus. Ihre Beine knickten unter ihr weg. Ihre Zähne klapperten. Ihr Puls schoss nach oben.

Alles körperliche Reaktionen, die dem Leser eindeutig zeigen, wie es emotional um die Figur bestellt ist. Natürlich darfst du die Sätze noch etwas schöner formulieren.

Tell: Felix freute sich, dass Alexa endlich besserer Laune war.

Show: Felix grinste und warf die Hände in die Luft. Endlich zeigten Alexas Mundwinkel nicht mehr so finster nach unten.

Nichtssagende Adjektive ersetzen

Tell: Die schöne Blumenwiese versetzte Paul in Entzücken.

Show: Klatschmohn und Schafgarbe bogen sich in der leichten Sommerbrise. Paul atmete den Geruch nach Erde und Gras ein und lächelte.

Adjektive wie schön, herrlich, furchtbar, etc. sind nichtssagend. Wenn wir sie durch starke Verben, meinetwegen auch durch unumgängliche treffende Adjektive, oder durch Nomen ersetzen, gewinnt der Text deutlich an Lebendigkeit.

Oder auch dieses: „… versetzte ihn in Entzücken” Was genau ist darunter zu verstehen? Hast du ein konkretes Bild im Kopf? Natürlich sind  „lächelte” bzw. das „atmete ein” jetzt auch nicht gerade Verben, die uns vom Hocker reißen, aber wenigstens können wir uns etwas darunter vorstellen. Es wird gezeigt, was Paul tut. Der Leser kann sich (hoffentlich) vorstellen, dass er angenehme Gefühle hat. Es wird nicht erzählt.

Beschreibungen aller Art

Tell: Es war eine kalte, stürmische Nacht.

Show: Der Wind klapperte mit den Fensterläden und klatschte Abertausende Regentropfen gegen die Scheibe. Ich zog fröstelnd die Schultern zusammen.

Tell: Die Burg sah furchteinflößend aus.

Show: Wie tückisch funkelnde Augen glotzten die erleuchteten Fenster der Burg in ihre Richtung. Ihre Mauern ragten wie eine Gefängniswand vor ihnen auf und Felix musste den Kopf in den Nacken legen, um zu den Zinnen der zahllosen Türme hochzublicken.

Tell: Sein Mittagessen schmeckte ihm nicht.

Show: Wie eine zähe Kaugummimasse füllte das Hühnerfrikassee  seine Mundhöhle. Er kaute und versuchte, kleine Stücke hinunterzuschlucken, aber er konnte sich nicht überwinden. Angeekelt spuckte er die widerlichen Brocken in einem unbeobachteten Moment aus.

Tell: Es war heiß.

Show: Ein Schweißtropfen rann ihre Schläfe hinab.

Wörtliche Rede mit Adjektiv

Oft ist man versucht, durch ein passendes Adjektiv auszudrücken, wie jemand etwas sagt. Besser ist es natürlich, dies zu zeigen.

Tell: „Lass das!”, brüllte Paul jähzornig.

Show: „Lass das!” Pauls Stimme überschlug sich schier.

Tell: „Möchtest du noch mit nach oben?”, säuselte Claire verführerisch.

Show: Claire blickte ihm tief in die Augen. „Möchtest du noch mit nach oben?” Ihre Stimme klang rauchig und ihre Zunge fuhr wie zufällig über ihre Lippen.

Vermeide Dopplungen

Auch Erklärungen, die eigentlich unnötig sind, sind eine Art des tells.

Beispiel 1: Paul presste die Hände an die Schläfen und stöhnte. Sein Kopf drohte vor lauter Kopfweh zu platzen.

Je nach Kontext könnte man sogar den zweiten Satz weglassen. Es wurde schließlich schon gezeigt, dass er Schmerzen im Kopf hat.

Beispiel 2: Alexa grinste übers ganze Gesicht. Sie war guter Laune.

Ich denke, das Prinzip ist hier klar. Es ist manchmal nur nicht so einfach, solche Doppelungen aufzuspüren, weil sie nicht immer so offensichtlich sind wie hier in den zwei Beispielen.

Kontrolle

Manchmal ist es gut, Szene für Szene darauf zu prüfen, ob man alle Sinne bedient hat. Wir Menschen sind Augentiere, klar, wir sehen viel, aber es gibt auch noch hören, riechen, schmecken und tasten. Wo immer es geht, sollten die Sinne vielfältig benutzt werden. Frage dich also:

  • Was nimmt die Figur wahr? (Sehen, riechen, fühlen, hören, schmecken)
  • Wie reagiert sie darauf?

Manchmal hilft es, sich richtig körperlich in die Figur hineinzuversetzen. Ich bin oftmals schon vom Schreibtisch aufgestanden, um eine bestimmte Position einzunehmen, in der sich mein Prota gerade befindet. Also wie stelle ich mich z.B. hin, wenn ich Angst habe, am liebsten die Flucht ergreifen möchte? Welchen Gesichtsausdruck ziehe ich? Rieche ich meinen eigenen Angstschweiß?

Du kannst auch gerne ein paar Schreibübungen dazu machen.

  1. Beschreibe deine Protagonistin, wie sie sich a) ängstlich b) freudig erregt c) unentschlossen d) zornig fühlt. Denk dir ruhig einen Grund aus, warum sie sich so fühlt.
  2. Beschreibe deine Protagonistin a) im Sommer auf einer Wiese b) im Winter im Schneesturm. Was nimmt sie wahr, wie verhält sie sich?

Tja, und nur wer das auch wirklich ausformuliert, wird merken, dass das manchmal gar nicht so einfach ist. Sowohl das Einschätzen der Gefühle und Wahrnehmung der Figur als auch das Aufschreiben.

Show, don‘ tell wird mich sicher noch eine lange Zeit beschäftigen. Je mehr man sich damit befasst, desto mehr Interpretationsspielraum findet man. Deshalb sind die obigen Beispiele auch nur Vorschläge und keinesfalls als Anleitung zu verstehen. Vielleicht findest du eine tausendmal schönere Formulierung?

 

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