Sympathische Charaktere erschaffen

Sympathische Charaktere erschaffen
Für meinen nächsten Roman habe ich mir vorgenommen, eine wunderbar vielschichtige, interessante und vor allem unglaublich sympathische Hauptfigur zu schaffen. Sie wird allen im Gedächtnis bleiben und alle werden sie mögen, ob sie wollen oder nicht. So weit, so der Plan.

Nur, wie mache ich das am besten?

Vorüberlegungen

Gibt es Eigenschaften, die sympathische Charaktere auf jeden Fall vorzuweisen haben?
Dieser Frage möchte ich in diesem Artikel genauer auf den Grund gehen. Ich habe zur Charaktererstellung schon einige Artikel geschrieben, nämlich hier und hier. Aber das sind ja so allgemeine Tipps, wie man Charaktere erschafft, und diese Figuren sind ja nicht alle lieb und gut. Ich möchte mal genauer beleuchten, was eine zutiefst sympathische Figur eigentlich ausmacht.

Welche Eigenschaften findet die Mehrheit der Menschen gut? Natürlich solche wie Freundlichkeit, Natürlichkeit, Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft, Güte, Mitgefühl usw.

Bitte keine Mary Sue

Wenn ich nun aber meine Figur mit all diesen Eigenschaften ausstatte, kommt das meist gar nicht gut rüber. Denn: die Leserinnen und Leser wollen keine Heiligen, sondern Figuren, mit denen sie sich identifizieren können. Die sie verstehen und mit denen sie mitfiebern können. Das geht nur mit Figuren, die auch ein paar Schwächen aufweisen, denn die machen sie menschlicher.

Abstoßende sympathische Charaktere?

Neulich las ich so quer im Netz, von welchen Romanfiguren Leserinnen begeistert sind. Und stieß auf ein erstaunliches Phänomen. Oftmals rufen nämlich Helden Bewunderung auf den Plan, die ganz und gar nicht dem Idealbild eines gütigen, freundlichen und hilfsbereiten Menschen entsprechen. Sondern im Gegenteil ganz schön abstoßende Eigenschaften haben.

Wie passt das zusammen?

Man kann durchaus von einem Menschen beeindruckt sein, obwohl man ihn nicht mag. Nachdem ich etwas länger nachgedacht hatte, fiel mir doch tatsächlich eine Person in meinem Umfeld ein. Wir haben kaum ein Thema zu reden und ich wünsche mir auf keinen Fall eine Freundschaft mit ihr. Aber sie fasziniert mich durch ihr Organisationstalent, die Art, wie sie Dinge handhabt und wie sie mit anderen umgeht.
Also nützt uns die Liste positiver Eigenschaften von oben im Grunde nicht viel. Wir können durchaus von einer Person bzw. einer Figur fasziniert sein, aber dennoch keine Sympathie für sie empfinden.

Okay, halten wir fest:

Es gibt Personen bzw. Charaktere, die uns faszinieren und für deren Schicksal wir uns interessieren. Aber wir müssen nicht mit allem einverstanden sein, was sie tut und verkörpert. Allerdings, damit wir eine Figur auch noch sympathisch finden, muss sie auf jeden Fall noch gute Charaktereigenschaften besitzen.
Um keine Mary Sue zu erschaffen, findet man in Schreibratgebern den Hinweis, dem Charakter auch ein paar Mängel zu verpassen.
Das Entscheidende hierbei ist, dass der Charakter auf diese Weise die Möglichkeit hat, sich selbst weiterzuentwickeln, sich also zu verbessern. Indem sich nach und nach ihre guten Eigenschaften herauskristallisieren, sammelt die Figur Punkte bei der Leserschaft.

Sympathische Charaktere ergreifen die Initiative

Und nochmal ganz wichtig: Die Figur muss das aktiv tun, sie muss also die Initiative ergreifen und sich selbst oder ihre Situation ändern. Aktive Figuren, die gegen alle Widerstände Erfolg haben, sind bei den Lesern gerne gesehen. Deine Aufgabe als Schriftsteller ist es nun, dieses aktive Verbessern ihrer Charaktereigenschaften bzw. ihrer verkorksten Situation durch konkrete Szenen zu zeigen. Und hier wären wir wieder beim show, don’t tell, welches wunderbar benutzt werden kann, um sympathische Charaktere auch wirklich sympathisch rüberkommen zu lassen.
Nochmals zu den Schattenseiten, die du der Figur verpassen solltest: Es sollte etwas sein, was deine Leserinnen kennen. Eine Charakterschwäche, die sie vielleicht selbst haben oder bei Freunden nicht leiden können. Denn einer Figur solch eine miese Eigenschaft anzudichten, die der Leser absolut nicht verzeihen kann, geht nach hinten los. Hierbei ist natürlich das Problem, dass jede Leserin etwas anderes unverzeihlich findet. Erika vielleicht hat ihren Mann verlassen und der war unter anderem schlampig und unsauber – also findet sie einen Protagonisten, der ähnliche Schwächen aufweist, möglicherweise absolut untragbar und legt das Buch weg. Du verstehst, was ich meine? Es gehört ein bisschen Feingefühl dazu, einer Figur schlechte Eigenschaften anzudichten. Alle wirst du sowieso nicht zufriedenstellen können.

Rat: Orientiere dich an deiner Zielgruppe. Welche Art von Figur würde dieser Personengruppe gefallen, weil sie gerade in einer besonderen Lebenssituation sind und/ oder einen ähnlichen Erfahrungshintergrund haben?

Vorläufiges Fazit

  • sympathische Charaktere brauchen sympathische Eigenschaften, aber auch einen glaubwürdigen Mangel, den sie aktiv überwinden. Der Mangel darf nicht zu abschreckend sein.
  • Der Charakter als Ganzes muss auf die Zielgruppe hin ausgerichtet sein
  • Die Charaktereigenschaften der Figur müssen glaubhaft gezeigt werden

Konkrete Tipps, die du beim Erschaffen sympathischer Figuren anwenden kannst

Jetzt haben wir aber ziemlich lange herumphilosophiert, was sympathische Charaktere ausmacht. Irgendwie ist mir das zu abstrakt. Was muss ich konkret tun?
Also, um konkret sympathische Charaktere zu erschaffen, werde ich Folgendes tun:

1. Der Protagonist weist Identifikationspotential auf

  • Er könnte tier- oder kinderlieb sein. Die meisten Menschen mögen Tiere und Kinder, oder würden sie zumindest gerne mögen.
  • Er könnte jemandem in einer schwierigen Situation helfen. Hilfsbereite Menschen mag jeder.
  • Er könnte sich für einen Schwächeren einsetzen. Couragierte Menschen mag jeder.
  • Er könnte verschlafen oder liebenswert unordentlich sein. So sind wir doch alle mal, oder?
  • Er könnte über eine rote Ampel fluchen. Tun wir auch alle. Allerdings fände ich es besser, er würde sich über ein Eis freuen, das ihm die nette Kollegin spendiert. Passiert uns tatsächlich hin und wieder und du steigst gleich über eine positive Szene ein.

Und so weiter.
Man könnte hier auch auf der Mitleidsschiene fahren. Ich könnte zeigen, wie mein Held gemobbt oder ungerecht behandelt wird. Oder er erleidet einen großen Verlust, jemand könnte sterben. Auch so etwas hat sicher fast jeder schon erlebt.
Auch sehr hübsche Frauen oder vor Männlichkeit strotzende Typen kommen meist gut an. So wären wir selbst gerne, nicht?

2. Sympathische Charaktere agieren statt zu re-agieren

Diesen Punkt hatten wir auch oben schon, konkret bedeutet das:
Der Held wartet nicht, bis die Ereignisse ihn überrollen. In den meisten Heldenreisen hockt der Protagonist in seinem Dorf und plötzlich fallen die Bösen ein. Er wird verjagt und quasi gezwungen, auf die Ereignisse zu reagieren.
Nein. Nicht dass solche Helden nicht auch sympathisch sein können, aber sehr sympathische Charaktere warten nicht ab, bis es zu spät und das ganze Dorf abgeschlachtet ist. Natürlich muss ein auslösendes Ereignis stattfinden, aber sehr sympathische Charaktere wittern die Gefahr schon früh und entwickeln aktiv einen Plan dagegen. Sie handeln, man kann es nicht oft genug sagen. Vielleicht können sie nicht das ganze Dorf retten, aber sie bieten ihre gesamte Kraft auf, um gegen die Bösewichte zu kämpfen. Natürlich muss das nicht gleich so dramatisch sein, aber der Charakter muss etwas wollen und sich nicht einfach überrollen lassen.

3. Sympathische Charaktere sind kompetent

Die meisten Menschen bewundern Experten mit großem Wissen, egal auf welchem Gebiet. Also werde ich meine Figur ein schwieriges Problem mit seinen Fähigkeiten lösen lassen. Es könnte seinen Grund haben, warum Ärztinnen oder Ärzte meist recht sympathisch wirken. Sie sind Experten auf ihrem Gebiet und können etwas, was kein anderer kann. Das ruft Bewunderung hervor. Natürlich könnte meine Figur auch einen Kampfsport erlernen und andere damit aus brenzligen Situationen retten. Es könnte auch ein tolles Organisationstalent sein, aber auch Schlagfertigkeit oder Humor, was meine Figur kompetent macht.
Die Figur muss dabei nicht von Anfang an großes Wissen oder Fertigkeiten haben. Es ist möglich, dass sie das im Verlauf der Geschichte erlernt. Aber ein gewisses Talent und Interesse sollte natürlich vorhanden sein. Bedenke auch, dass lernwillige Figuren immer besser ankommen als lernunwillige Muffel.

4. Auch sympathische Charaktere machen Fehler – der Mangel

Kennst du das? Du raufst dir beim Lesen die Haare und würdest die Protagonistin am liebsten anschreien, dass sie einen grauenhaften Fehler begeht, wenn sie beispielsweise den Typen, auf den sie ein Auge geworfen hat, aus verletztem Stolz heraus anschreit.
Kleine Warnung: Natürlich darf man es den beiden nicht zu einfach machen, sonst wäre die Geschichte gleich zu Ende. Aber nur um die Handlung vorwärts zu treiben, sollte ich die Figur nicht allzu dümmlich darstellen, das kann nämlich nach hinten losgehen.
Konkrete Schwächen könnten sein:

Was die Person behindert beim Vorwärtskommen

  • ihre moralische Einstellung oder andere geistige „Einschränkungen”, z.B. ein Ehrenkodex (man erhebt nie zuerst die Hand, man schlägt keine Schwächeren, man darf niemand töten, man widerspricht nicht seinen Eltern und dergleichen)
  • ihr Aussehen, z.B. eine andersfarbige Haut, bestimmte Rassenmerkmale, blonde Haare in einem Land von Schwarzhaarigen oder umgekehrt, etc.
  • Einschränkungen durch das Umfeld, z.B. die Familie, die einem behindert, weil die Kinder noch klein sind, weil man selbst angreifbar ist (Kind wird als Geisel genommen), oder Erwartungen, die jemand an den Held stellt, falsche Freunde, die einem beeinflussen, …
  • körperliche Einschränkungen, wie Behinderungen, Übergewicht, Entstellungen, …
  • charakterliche Schwächen, wie Schüchternheit, Schlampigkeit, Arroganz, Wortkargheit, …

Übrigens wäre es auch von Vorteil, wenn meine Figur aus irgendeinem Grund benachteiligt ist, egal, wobei auch immer. Sie könnte aus einer sozialen Unterschicht kommen, rassistisch verfolgt werden, der Außenseiter in der Klasse sein, irgendwas, was ihr im Verlauf der Geschichte ermöglicht, aufzusteigen und die vermeintlich unbesiegbaren, weil völlig überlegenen Gegner zu bezwingen. Leser lieben es sehr, von solchen benachteiligten Figuren zu lesen, denn irgendwie fühlen wir uns doch selbst ständig benachteiligt – vom Lehrer, von den Eltern, vom System … Harry Potter ist übrigens auch so ein Benachteiligter, der sich aus ärmlichen Verhältnissen hochgearbeitet hat.

Zum Schluss

Bestimmt gibt es noch mehr konkrete Vorgehensweisen, wie man sympathische Charaktere schafft.
Je mehr ich darüber schreibe, was sympathische Charaktere ausmacht, wird mir klar, wie sehr doch alles miteinander verwoben ist. Der sympathischste Held reißt die Leserschaft nicht vom Hocker, wenn ihm die Konflikte fehlen oder gar die Motivation. Das Gesamtbild muss stimmig sein, aber na schön, dies hier ist ein Teil vom Puzzle.

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